INTERVIEW MIT RALPH DOMMERMUTH

Herr Dommermuth, wie blicken Sie auf das Geschäftsjahr 2024 zurück?

Ich blicke auf ein erfolgreiches, jedoch in Teilen herausforderndes Geschäftsjahr zurück. Auch im vergangenen Jahr sind wir mit innovativen Produkten vorausgegangen und haben in neue Kundenbeziehungen investiert. So haben wir den nachhaltigen Wachstumskurs der United Internet Gruppe mit einem erneuten Anstieg bei Umsatz und Kundenverträgen fortgeführt. Das operative Ergebnis hingegen blieb hinter unseren Erwartungen zurück. Das lag vor allem an höher als erwarteten Anlaufkosten beim 1&1 Mobilfunknetz.

Es ist über ein Vierteljahrhundert her, dass in Deutschland eine neue Mobilfunkinfrastruktur entstanden ist. Im Dezember 2023 wurden die mobilen Dienste im 1&1 O-RAN gestartet. Wie ist Ihr Fazit nach dem ersten Jahr?

Unsere Teams haben technologische Höchstleistungen erbracht. Während unsere Wettbewerber über die Vorteile der neuartigen OpenRAN-Technologie sprechen und sie in ersten Initiativen erproben, hat 1&1 ihre Marktreife im vergangenen Jahr erfolgreich unter Beweis gestellt. Das 1&1 Netz ist das erste vollständig virtualisierte Open RAN in Europa – cloud-nativ, unabhängig von dominierenden Netzwerkausrüstern und bereit für Anwendungen in Echtzeit. Sämtliche Netzfunktionen werden per Software in unserer privaten Cloud gesteuert. Dazu sind bereits über 200 dezentrale und regionale Edge-Rechenzentren in Betrieb. An allen Antennenstandorten kommen Gigabit-Antennen zum Einsatz, die per Glasfaser mit den jeweiligen Rechenzentren verbunden werden. Damit schaffen wir ein besonders zukunftsfähiges Netz, das die Mobilfunklandschaft verändert. Genau dafür sind wir als vierter Netzbetreiber angetreten – für einen lebendigeren Wettbewerb und Innovationen, von denen die Verbraucher profitieren.

Ein Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung, noch dazu mit einer neuartigen Technologie, ist jedoch nicht ohne Rückschläge zu meistern. So gab es Ende Mai 2024 eine flächendeckende Netzstörung, die uns viel Kraft kostete. Im Zuge der Entstörungsarbeiten wurde deutlich, dass zentrale Komponenten im Kernnetz nicht ausreichend dimensioniert waren. Wir haben umgehend Maßnahmen ergriffen und im Sommer 2024 fehlende Komponenten für zukünftiges Wachstum in unseren ersten zwei Core-Rechenzentren nachrüsten lassen. Die zwei weiteren Core-Rechenzentren drei und vier sind Anfang November 2024 mit Verzögerung Live gegangen. Die nunmehr vorhandenen vier Core-Rechenzentren sorgen für verlässliche Stabilität. Kurz gesagt: Wir haben nicht den leichten Weg gewählt, aber den richtigen.

Rund 12 Millionen Kunden ziehen schrittweise vom Telefónica Netz in das 1&1 O-RAN um. Das ist die größte Migration der deutschen Mobilfunkgeschichte und eine komplexe Aufgabe. Wie kommen Sie hier voran? Wie kann man sich den Prozess vorstellen?

Wir kommen mit der Migration gut voran. Bereits heute surfen und telefonieren sechs Millionen Kunden im 1&1 Mobilfunknetz. Jeden Werktag ziehen wir bis zu 50.000 weitere Kundenverträge auf unser Netz um. Bis Jahresende werden wir die Netzmigration unserer Kunden planmäßig abschließen.

Für unsere Kunden läuft der Umzug in das 1&1 O-RAN in der Regel ohne Zutun als „over the air-Update“, das sich nachts automatisiert aufspielt. Nur in seltenen Fällen ist ein Tausch der SIM-Karte nötig.

Im Mobilfunk ist es die dominierende Rolle von HUAWEI in den 5G-Netzen, die Besorgnis erregt. Bei Cloud-Diensten steht die Übermacht von Amazon, Google und Microsoft im Raum. Europa ist mehr denn je daran gelegen, sich mit eigenen Lösungen digital unabhängig zu machen. Welche Rolle nimmt IONOS dabei ein?

Europa und insbesondere Deutschland können es sich nicht leisten, die Kontrolle über digitale Infrastrukturen und hochwertige Daten aus der Hand zu geben. Digitale Infrastruktur muss souverän sein. Das ist keine Optionalität, sondern eine Grundvoraussetzung, um auch weiterhin als Wirtschaftsstandort führend zu bleiben. Die Geschäftsmodelle von United Internet unterstützen das Ziel eines digital unabhängigen Europas – von E-Mails, Websites und Cloud-Infrastruktur bis hin zu modernen Glasfaser- und Mobilfunknetzen.

Die Nachfrage nach souveränen Lösungen wächst. So spielt IONOS für Unternehmen des Öffentlichen Sektors, die zwingend auf sichere und unabhängige Cloud-Dienste angewiesen sind, zunehmend eine zentrale Rolle. Als Gegengewicht zu US-Hyperscalern wie Google oder Amazon bietet IONOS seinen Kunden eine 100% datenschutzkonforme Speicherung und Archivierung ihrer Daten gemäß den deutschen Datenschutzgesetzen und ausschließlich gespeichert in europäischen Rechenzentren. Dieser Fokus auf Sicherheit und technische Leistungsfähigkeit der in Deutschland entwickelten Cloud überzeugt. So hat das ITZBund, als IT-Dienstleister für 200 Behörden der Bundesverwaltung, IONOS mit dem Aufbau einer privaten Enterprise-Cloud beauftragt. Zudem ist IONOS unabhängiger Cloud-Partner für namhafte Behörden und Institutionen wie die Bundesagentur für Arbeit, die Deutsche Rentenversicherung oder die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung und stärkt so die sichere Digitalisierung der Verwaltung.

Was erwarten Sie vom Geschäftsjahr 2025?

Für das Geschäftsjahr 2025 erwartet United Internet ein Umsatzwachstum auf ca. 6,4 Mrd. €. Unser EBITDA soll trotz hoher Ausgaben zur Entwicklung von Zukunftsthemen auf ca. 1,35 Mrd. € zulegen. Wir werden weiterhin kraftvoll investieren, vor allem in den Ausbau unseres Glasfaser- und Mobilfunknetzes. Der Cash-Capex soll entsprechend bei ca. 800 Mio. € liegen.

Jeden Monat werden Dienste von United Internet in Deutschland rund 50 Millionen Mal genutzt – weltweit ca. 70 Millionen Mal. Wir freuen uns darauf, auch im kommenden Jahr mit Innovationen voranzugehen und die digitale Welt souverän zu gestalten.